Jede Kopie, die vom Original-Negativ oder vom Master-Material abgeleitet wird, ist eine Tirage — ob belichteter Film im Analog-Prozess oder Datei im digitalen Workflow. Im analogen Zeitalter war das konkret: Lichtkopie vom Negativ auf Positivfilm, mehrfach belichtet für verschiedene Kinos. Heute heißt es meist DCP-Tirage oder Distribkopie — aber das Prinzip bleibt. Aus einem Ur-Material (Original-Negativ, DCP-Master, digitale Intermediate) entstehen die Arbeitskopien, Vorführkopien, Archiv-Kopien. Jede einzelne ist eine Tirage.
Am Set und im Labor funktioniert das so: Das belichtete Negativ geht zur Entwicklung. Danach zieht der Laborant die erste Tirage — eine Test-Kopie, um Farbe, Dichte und Kontrast zu prüfen. Das heißt Muster-Tirage oder Answer Print. Im Kino-Screening folgen Anweisungen: »Cyan um zwei Punkte raus, Rot rein« — und die nächsten Tirages werden mit angepassten Belichtungs-Werten gezogen. Für jedes Kino eine separate Tirage, weil jeder Projektor anders kalibriert ist und jeder Saal andere Lichtverhältnisse hat.
Digital ändert sich das Vokabular, nicht die Logik. Das DCP-Master ist das Negativ-Äquivalent. Die Distribkopie ist die Tirage — eine verschlüsselte Datei für den Vertrieb, mit KDM (Key Delivery Message) für jeden einzelnen Saal. Mehrere Kopien entstehen aus einer Quelle, jede mit unterschiedlichen Authentifizierungs-Keys. Im Archiv spricht man von der Preservation-Tirage — eine gesicherte Kopie auf Lagerbestandsmaterial, die 50+ Jahre hält, während die Arbeits-Tirage nach sechs Monaten wieder gelöscht wird.
Der Begriff Tirage kommt aus dem Französischen und bedeutet wörtlich »Zug«, »Druck« — aus einer Druckplatte entstehen mehrere Drucke. Beim Film ist es ähnlich: aus einer Matrix (Negativ, Master) entstehen viele Abzüge für Vertrieb, Kino, Archiv. In der Kommunikation mit Laborleuten bleibt die Frage konkret: »Wie viele Tirages werden für den Start gebraucht?« Das ist konkrete Logistik — eine Tirage kostet Geld, lagert Platz, muss kuvertiert und transportiert werden. Digital spart das Zeit und Speicher, aber die Kosten-Überlegung bleibt.
Aktuelles
Im digitalen Vertrieb hat sich der Begriff 'Print' vom physischen Filmstreifen zur DCP-Datei gewandelt, die klassischerweise auf einer Festplatte ausgeliefert wird. Die Herstellungskosten pro Kopie liegen laut Branchendiskussionen bei etwa 600 US-Dollar — deutlich weniger als die traditionellen 35mm-Lichtkopien, die je nach Länge mehrere tausend Dollar kosten konnten. Der sogenannte 'Prints'-Anteil im P&A-Budget (Prints and Advertising) berechnet sich damit direkt aus der Zahl der Kinosäle, in denen ein Film anläuft.