Systematisch katalogisierte Sammlung von Einstellungen nach Typ, Länge und Funktion — dokumentiert Bildsprache des Produkts. Referenz für Continuity und Re-Takes.
Eine Kadrothek wird gebraucht, wenn die erste Take nicht passt — oder wenn zwei Wochen später eine Nachaufnahme ansteht und nicht mehr rekonstruierbar ist, wie die Kamera stand. Sie ist kein Luxus, sondern eine organisierte Überlebensstrategie auf größeren Produktionen. Sie dokumentiert jede gedrehte Einstellung: Brennweite, Kamerahöhe, Schärfe, Beleuchtungsrichtung, und vor allem — wie der Schnitt sie später verwenden kann.
Die Praktik funktioniert so: Während des Drehs fotografiert der Set-Fotograf oder die Script-Continuity-Person nach jeder genehmigten Take ein digitales oder analoges Still vom Set. Nicht vom Monitor — vom echten Set, mit Schauspielern in Position. Dazu wird notiert: Szene, Take-Nummer, Brennweite (18mm? 50mm?), Kameraposition (ob links oder rechts vom Subjekt), Lichtsituation (Schlüssellicht von welcher Seite?). Diese Informationen landen in einer Datenbank oder einem analog geführten Logbuch — geordnet nach Szene, manchmal nach Bildtyp (Nah, Halbtotal, Total). Das klingt pedantisch, aber wenn in der Post-Produktion ein Reaction-Shot aus Szene 47 mehr Screening-Time bekommt als geplant, wird genau diese Information sofort gebraucht.
Besonders wertvoll wird die Kadrothek beim Schnitt und bei Korrektionen: Der Editor sieht nicht nur, welche Takes verfügbar sind, sondern auch die exakten Bedingungen, unter denen sie entstanden. Das verhindert sprunghafte Schnitte durch unterschiedliche Brennweiten oder Achsensprünge. Auch beim VFX-Briefing hilft sie — Visual Effects benötigen die originale Lichtsituation, um ihre Composites glaubwürdig einzuweben. Bei Reshoots Monate später wird sie zur Rettung: Der ursprüngliche Kader lässt sich exakt nachvollziehen, statt improvisiert zu werden und eine visuelle Bruchstelle zu erzeugen.
In der modernen Produktion funktioniert das digital schneller: Ein Testshot vom Kamera-Monitor, direkt als JPEG mit Metadaten getaggt ins Project-Management-System. Bei großen TV-Serien ist die Kadrothek sogar Vertragsbestandteil zwischen Production Design und Post — ohne sie gibt es keine Freigabe. Die beste Kadrothek ist übersichtlich, konsistent beschriftet und zugänglich für den gesamten kreativen Stab. Sie ist nicht die Rushes selbst, sondern deren visueller Index — und damit unverzichtbar, sobald Kontinuität ernstgenommen wird.
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