Jugoslawische Avantgarde-Bewegung, 1960er–70er — Makavejev, Paskaljevic. Provokativ, anti-politisch, surreal; musste lange gegen Zensur kämpfen.
Die jugoslawische Filmavantgarde der 1960er und 70er Jahre entstand aus einer sehr spezifischen historischen Konstellation — Tito's relative Liberalität gegenüber dem Westen, wirtschaftliche Öffnung, gleichzeitig tiefe ideologische Spannungen im Land. Regisseure wie Dušan Makavejev und Goran Paskaljevic nutzen den Film als Waffe gegen staatliche Narrative, gegen die Sowjetisierung von links und die Heuchelei des jugoslawischen "dritten Weges". Sie warfen dem System vor, ebenso repressiv zu sein wie jeder andere Totalitarismus — nur eben mit besseren Marketing-Slogans.
Die formalen Merkmale dieser Bewegung sind unmittelbar provokativ. Surreale Schnittfolgen, Montagen, die Archiv-Material mit Gegenwarts-Fiktion vermischen, Interviews mit echten Menschen, unterbrochen von absurden Szenen — das Ziel: den Zuschauer aus jeder bequemen Positio herauszureißen. Makavevs »WR — Mysteries of the Organism« (1971) verbindet Wilhelm Reich mit Porno-Fragmenten und dokumentarischen Einschüben; das war nicht avantgardistisches Spiel, sondern direkter politischer Angriff. Der Film wurde prompt verboten, Makavejev ins Exil gezwungen. Das war keine Theorie — das war Konsequenz.
Was Kameraleute und Schneider dieser Filme heute noch lehren: Sie arbeiteten mit minimalen Mitteln, aber maximalem visuellen Fokus. Jede Bildwahl war Statement. Keine Aufnahme war Dekoration. Sie zeigen, dass Avantgarde-Ästhetik nicht um ihrer selbst willen existiert, sondern als formale Waffe gegen Bedeutungs-Monopole. Das unterscheidet sie von europäischen Avant-Gardes, die oft selbstreferenziell wurden. Der novi film wollte die Realität des Landes sichtbar machen — gerade indem er sie verfremdet.
Die Bewegung zerstreute sich in den späten 70ern unter Druck — sowohl der Zensur als auch der wirtschaftlichen Realität (Jugoslawien brauchte kommerzielle Filme). Aber die formale Radikalität, die Verweiterung dessen, was »politisches Kino« bedeutet, strahlte in die europäische und amerikanische Avantgarde aus. Wer heute über Montage und Evidenz diskutiert, sitzt immer noch im Schatten dieser Arbeit.