Bewusste oder unbewusste Abkehr vom Erzählkonventionen — eine Figur oder der Film selbst handelt ohne Kenntnis von Handlung oder Moral. Oft bewusst zur Authenizität oder Komik genutzt.
Wenn eine Figur handelt, ohne die Konsequenzen ihrer Taten zu erfassen — oder der Film selbst naiv in die Handlung läuft, ohne die eigenen narrativen Regeln zu kennen — sprechen wir von einem dramaturgischen Zustand, der für Authentizität oder Komik gleichermaßen taugt. Das ist nicht Fehler, sondern oft bewusste Strategie. Am Set entsteht Naivität dort, wo der Schauspieler oder die Regie bewusst auf Selbstironie, Distanzierung oder Metacommentary verzichtet. Die Figur weiß nicht, dass sie in einem Film ist — und der Zuschauer soll das auch nicht merken.
Praktisch funktioniert das so: Nehmen wir eine Szene, in der ein Protagonist in ein offensichtliches Missverständnis läuft. Klassisch: er nimmt die düstere Vorahnung nicht ernst, weil seine Figur moralisch oder kognitiv dafür blind ist. Nicht, weil das Drehbuch schlecht ist, sondern weil die Naivität selbst die Konfliktmaschine ist. Der Schauspieler darf nicht zwinkern, nicht andeutet, dass er die Falle sieht. Diese ehrliche Unwissenheit schafft Spannung — oder, richtig dosiert, Komik. Beim Drehen merkt man das sofort: Sobald eine Performance zu clever wird, zu auf das Publikum hin, bricht die Naivität zusammen.
Im schnittechnischen Sinne gibt es auch naiv gebaute Übergänge — Schnitte oder Übergänge, die nicht elegant kaschiert, sondern direkt und unvermittelt sind. Das erzeugt einen Realitäts-Eindruck, als wäre die Kamera nur Zeuge, nicht Regisseur. Godard und andere experimentelle Filmemacher nutzen das bewusst. Die Kamera tritt nicht zurück. Sie ist naiv gegenüber dem, was Kino sein soll.
Der wichtigste Punkt: Naivität funktioniert nur, wenn sie kohärent ist. Eine Figur kann nicht selektiv naiv sein — nur in Szenen, wenn das Drehbuch es gerade braucht. Sie muss an ihrer Weltblindheit leiden oder davon profitieren, konsistent. Damit unterscheidet sich echte dramaturgische Naivität von Plothole-Kaschierung. Am Set bedeutet das klare Anweisung: Diese Figur nimmt diese Information nicht auf, weil sie strukturell dazu unfähig oder unwillig ist — nicht weil der Dialog sie überhört hat.