Legendäre Pariser Filmstudios (1922–1992) — Truffaut, Godard, Bresson drehten hier. Nach Verkauf abgerissen; Ort für französisches Kino fast so mythisch wie Hollywood.
Die Billancourt-Studios in Boulogne-Billancourt, einem Vorort westlich von Paris, waren über sieben Jahrzehnte hinweg das Herz des französischen Kinos — nicht aus kommerziellen Gründen wie die amerikanischen Majors, sondern weil dort Handwerk und künstlerische Freiheit zusammenkamen. 1922 gegründet, boten die Studios Platz für Experimentieren, für die Art von Produktionen, die Hollywood nie finanziert hätte.
Wer bei Billancourt arbeitete, wusste: Hier galt nicht das Studio-System im amerikanischen Sinne. François Truffaut drehte dort Szenen aus «Die 400 Schläge» (1959), Jean-Luc Godard nutzte die Räume für schnelle, kostengünstige Inszenierungen. Robert Bresson, der kein Studio brauchte, wenn er es vermeiden konnte, kam trotzdem — weil die technische Ausstattung und das Personal zuverlässig waren. Das war die Stärke: Man konnte arbeiten wie auf einem großen Set, hatte aber nicht die Rigidität eines Systems. Die Studios waren modular, anpassbar, und die Crews verstanden, was ein Regisseur wollte, ohne lange Abstimmungsprozesse. Die Produktionsbüros waren klein, persönlich, die Kameratechnik auf dem aktuellen Stand — ohne dass American-Studio-Overhead die Budgets zerdrückt hätte.
In den 1970er und 80er Jahren begannen die Studios zu verblassen. Drehorte im Freien wurden günstiger, neue Filmtechnologie mobiler. Television fraß Ressourcen und Geld auf. Die Immobilienpreise in der Region stiegen exponentiell — Boulogne war kein billiger Vorort mehr. 1992 verkaufte der letzte Besitzer das Areal an Projektentwickler. Die Gebäude — legendär für ihre Oberlichter, ihre hohen Hallen, ihre Tontechnik-Infrastruktur — wurden abgerissen. Heute steht dort eine Wohnsiedlung.
Für die französische Filmgeschichte war das ein kultureller Bruch, ähnlich wie der Abriss der MGM-Backlots in Amerika. Billancourt war der Beweis, dass Studio-Kultur nicht amerikanisch sein musste — dass es auch europäisch, intim und dennoch technisch vollständig funktionieren konnte. Wer dort drehte, arbeitete in einem Raum, der das französische Kino nicht nur ermöglichte, sondern definierte.
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